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Lidl verkauft ein E-Bike für 899 Euro – Schnäppchen oder clever kalkulierte Einsteigerlösung?
Wenn ein Discounter plötzlich ein E-Bike für unter 1.000 Euro verkauft, werde ich automatisch skeptisch. Das liegt nicht daran, dass günstige Fahrräder grundsätzlich schlecht sind. Aber ein E-Bike ist eben kein einfacher Gegenstand. Motor, Akku, Elektronik, Bremsen und Rahmen müssen zuverlässig zusammenarbeiten. Genau an diesen Stellen trennt sich oft die Spreu vom Weizen.
In den letzten Jahren habe ich unzählige Fahrzeuge im Bereich Elektromobilität gesehen und getestet – vom günstigen Einsteiger-E-Bike bis hin zu High-End-Modellen mit Bosch-CX-Motor und riesigen Akkus. Deshalb war ich ehrlich gesagt neugierig, als Lidl sein CRIVIT Classic E-Bike für 899 Euro auf den Markt gebracht hat.
Ein Preis, der sofort Fragen aufwirft.
Ist das ein echtes Schnäppchen?
Oder am Ende doch nur ein günstiges Fahrrad mit Motor?
Ich habe mir das Bike ganz nüchtern anhand der technischen Daten angeschaut – ohne Marketing, ohne Discounter-Hype. Und die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Überraschung und Realität.
Der erste Eindruck: überraschend stimmiges Konzept
Das CRIVIT Classic wirkt auf den ersten Blick erstaunlich unaufgeregt. Kein futuristisches Design, keine auffälligen Linien, kein sportlicher Anspruch. Stattdessen ein klassisches City-Bike.
Tiefeinsteiger-Rahmen, Schutzbleche, Gepäckträger, Beleuchtung – also genau das Setup, das viele Menschen im Alltag brauchen. Pendeln, Einkaufen, kurze Wege durch die Stadt.
Der Aluminiumrahmen wirkt solide und schlicht. Ein Detail fällt dabei sofort auf: Der Akku sitzt in der Sattelstütze.
Das ist eine Lösung, die man mittlerweile bei einigen Urban-E-Bikes sieht. Der Vorteil liegt auf der Hand: Das Fahrrad sieht nicht sofort wie ein E-Bike aus. Der Akku ist optisch nahezu unsichtbar.
Der Nachteil ist allerdings ebenfalls klar: In einer Sattelstütze lässt sich deutlich weniger Akku-Kapazität unterbringen als in einem Unterrohr.
Der Motor: solide Einsteigertechnik
Beim Motor setzt Lidl auf einen Ananda M131SD Hinterradnabenmotor mit 250 Watt Leistung und 40 Nm Drehmoment.
Für Einsteiger klingt das zunächst nach viel. In der Praxis ist das ein typischer Wert für günstige E-Bikes.
Zum Vergleich:
Bosch Active Line: etwa 40 Nm
Bosch Performance Line: etwa 65 Nm
Bosch Performance CX: etwa 85 Nm
Das Lidl-Bike liegt also auf klassischem Einsteiger-Level.
Für flache Städte reicht das vollkommen aus. Ampelstarts, moderates Tempo und leichte Steigungen sind problemlos möglich.
In bergigen Regionen oder bei höherem Fahrergewicht wird der Motor allerdings schneller an seine Grenzen kommen.
Hinzu kommt: Ein Hinterradmotor fährt sich anders als ein Mittelmotor. Der Schub wirkt direkter und weniger natürlich als bei einem Bosch-System. Dafür ist das System technisch einfacher und wartungsarm.
Der Akku: hier zeigt sich der Preis
Der Akku hat 355 Wh Kapazität.
Das ist aktuell der Bereich, in dem man den günstigen Preis am deutlichsten merkt.
Viele moderne Trekking-E-Bikes liegen mittlerweile bei:
500 Wh
625 Wh
teilweise sogar 750 Wh
Lidl gibt eine Reichweite von bis zu 70 km an. Realistisch betrachtet wird das stark vom Fahrstil abhängen.
Eine ehrliche Einschätzung dürfte eher so aussehen:
Eco-Modus: etwa 50–60 km
gemischte Nutzung: etwa 35–45 km
maximale Unterstützung: etwa 25–35 km
Für Pendler oder Alltagsfahrten ist das völlig ausreichend. Für lange Touren allerdings nicht.
Schaltung und Bremsen: funktional, aber einfach
Bei der Schaltung setzt Lidl auf eine Shimano Tourney 7-Gang-Schaltung.
Das ist die Einsteigerklasse von Shimano. Sie funktioniert zuverlässig, ist einfach einzustellen und günstig zu warten. Sportliche Fahrer werden damit allerdings keine Begeisterung erleben.
Interessanter wird es bei den Bremsen.
Hier verbaut Lidl mechanische Tektro-Scheibenbremsen. Mechanische Scheibenbremsen funktionieren über einen Bowdenzug, nicht hydraulisch.
Das bedeutet:
mehr Handkraft
weniger fein dosierbar
etwas geringere Bremsleistung
Hydraulische Bremsen wären natürlich besser gewesen. Aber bei einem Preis von 899 Euro überrascht diese Entscheidung nicht.
Gewicht und Ausstattung: überraschend komplett
Das Gesamtgewicht liegt bei etwa 24 Kilogramm.
Für ein E-Bike ist das absolut normal. Viele vergleichbare Modelle liegen zwischen 22 und 25 Kilogramm.
Interessant ist die Ausstattung.
Das Bike kommt bereits komplett alltagstauglich daher:
Schutzbleche
Ständer
Gepäckträger mit Klicksystem
Lichtanlage
pannensichere Reifen
Viele Fahrräder werden deutlich teurer verkauft und benötigen anschließend noch Zubehör für mehrere hundert Euro.
Ein kleines Detail zeigt außerdem, dass Lidl durchaus mitgedacht hat: Das Bike bietet ein verstecktes Fach für einen Tracker, etwa einen Apple AirTag. Damit lässt sich das Fahrrad im Falle eines Diebstahls orten.
Der Preis verändert alles
Der entscheidende Punkt bleibt der Preis.
899 Euro.
Dieser Preis ist im heutigen E-Bike-Markt extrem niedrig.
Zum Vergleich:
Einsteiger-E-Bikes beginnen meist bei etwa 1.500 Euro.
Viele Trekking-E-Bikes kosten zwischen 2.000 und 3.000 Euro.
Premium-Modelle liegen schnell bei 4.000 Euro oder mehr.
Natürlich darf man das CRIVIT nicht mit einem Bosch-Trekking-Bike vergleichen. Aber genau das machen viele Menschen automatisch.
Das Lidl-Bike konkurriert eigentlich mit:
günstigen Online-E-Bikes
Einsteiger-City-Bikes
gebrauchten E-Bikes
Und genau in diesem Segment wird das Angebot plötzlich interessant.
Discounter verändern den Fahrradmarkt
Dass Discounter wie Lidl oder Aldi in den E-Bike-Markt einsteigen, ist kein Zufall.
Der Markt für Elektrofahrräder wächst seit Jahren. Gleichzeitig steigen die Preise immer weiter.
Viele Menschen wünschen sich ein einfaches E-Bike für den Alltag – ohne gleich mehrere tausend Euro investieren zu müssen.
Genau hier setzen Discounter an.
Durch große Stückzahlen und direkte Lieferketten können sie Preise anbieten, mit denen klassische Fahrradläden kaum konkurrieren können.
Für Fachhändler ist das eine schwierige Entwicklung. Denn Beratung, Service und hochwertige Technik kosten Geld. Ein 899-Euro-E-Bike lässt sich im Fachhandel kaum wirtschaftlich anbieten.
Die ehrliche Bewertung
Wenn ich das CRIVIT Classic nüchtern betrachte, ergibt sich ein klares Bild.
Es ist kein High-End-Produkt.
Es ist kein technisches Highlight.
Aber es ist ein erstaunlich solides Einsteiger-E-Bike.
Die Stärken:
extrem günstiger Preis
vollständige Ausstattung
solide Markenkomponenten
einfaches City-Konzept
Die Schwächen:
kleiner Akku
mechanische Bremsen
einfache Schaltung
wenig Motorleistung für steile Berge
Für wen dieses Bike wirklich sinnvoll ist
Das CRIVIT Classic richtet sich klar an Einsteiger.
Menschen, die ein E-Bike für den Alltag suchen.
Pendler.
Gelegenheitsfahrer.
Oder Käufer, die einfach nicht 2.000 Euro für ein Fahrrad ausgeben möchten.
Für lange Touren oder sportliches Fahren gibt es deutlich bessere Modelle. Diese kosten allerdings auch deutlich mehr.
Mein Fazit
Wenn ich mir das Lidl-E-Bike rein anhand der technischen Daten anschaue, komme ich zu einer überraschend positiven Einschätzung.
Das CRIVIT Classic ist kein Wunder-E-Bike.
Aber es ist ein ehrliches Einsteiger-E-Bike zu einem extrem aggressiven Preis.
Für viele Menschen könnte genau dieses einfache Konzept besser funktionieren als ein teures High-Tech-Bike.
Denn am Ende ist das beste E-Bike nicht unbedingt das teuerste – sondern das, das tatsächlich regelmäßig gefahren wird.
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